Kopftuch-Tragen in der Klasse: Schulleitung bewilligt individuelle Ausnahme

Trotz eines Verbotes in der Hausordnung der Oberstufenschule Länggasse in Thun, Kopfbedeckungen zu tragen, darf eine Neuntklässlerin den Unterricht aus religiösen Gründen mit Kopftuch besuchen. Zu dieser individuellen Ausnahmeregelung entschied sich die Schulleitung bereits letzte Woche. Die Hausordnung wird jedoch nicht geändert – jeder Fall wird einzeln geprüft, so lange das Bundesgericht keinen Grundsatzentscheid gefällt hat.

 

„Schule schickt Kopftuchmädchen heim“, titelte die SonntagsZeitung in ihrer gestrigen Ausgabe. Diverse Redaktionen griffen die Geschichte gestern und heute Montag auf. Es geht um eine Neuntklässlerin an der Oberstufenschule Länggasse, die letzte Woche trotz eines seit Jahren geltenden Verbotes in der Hausordnung, „Hüte und andere Kopfbedeckungen“ zu tragen, den Unterricht mit einem islamischen Kopftuch besuchte. Schulleitung und Klassenlehrer schickten sie mit dem Hinweis auf die geltende Hausordnung zunächst zweimal nach Hause. Am vergangenen Freitag, nach diversen Gesprächen mit dem Mädchen selbst, dem Vater des Mädchens, der Schulleitung, einem Schulsozialarbeiter, der Schulkommission und dem Schulinspektor zeichneten sich am vergangenen Freitag neue Erkenntnisse und eine Lösung ab: Im Sinne einer individuellen Ausnahmeregelung gestattet die Schulleitung dem Mädchen den Besuch des Unterrichts mit Kopftuch. Der Vater des minderjährigen Mädchens wurde zugleich aufgefordert, diesen Wunsch schriftlich festzuhalten. Diese Bestätigung lag am Sonntagabend vor, indem der Vater festhielt, seine Tochter habe sich aus eigenem Willen und Überzeugung zum Tragen eines Kopftuches entschieden.

 

Schulleitungen sind bei solchen Entscheiden frei

Heute Vormittag trafen sich die beiden Co-Schulleiter, Gemeinderat und Bildungsvorsteher Roman Gimmel, der Schulkommissionspräsident, der Schulinspektor sowie der Chef des Amtes für Bildung und Sport der Stadt Thun zu einer Besprechung der Situation. Zugleich nahmen sie vom Schreiben des Vaters und der Ausnahmebewilligung der Schulleitung Kenntnis. Sie bestätigten auch, dass die Schulleitungen bei solchen Entscheiden sowohl gemäss den kantonalen wie auch gemäss den städtischen Bestimmungen frei sind. Die Schulleitung ihrerseits betonte, dass es sich um eine individuelle Ausnahmebewilligung handelt, dass aber die Hausordnung der Oberstufenschule Länggasse weiterhin gilt. Jeder einzelne Fall wird künftig neu beurteilt. Dies auch vor dem Hintergrund, dass ein Grundsatzentscheid des Bundesgerichts in einem ähnlichen Fall im Kanton St. Gallen noch nicht vorliegt.

 

Der Kanton Bern hat keine Bekleidungsvorschriften für Schulen erlassen. In einem Leitfaden hält er lediglich fest, dass die Schulkommission oder die Schulleitung eine Einschränkung der Bekleidungsfreiheit dann vornehmen dürfe, wenn eine Schule aufgrund religiöser Vorschriften ihren Bildungsauftrag nicht wahrnehmen könnte.

  

Auskünfte an die Redaktionen:

 

  • Gemeinderat Roman Gimmel, Vorsteher der Direktion Bildung Sport Kultur, Tel. 077 405 48 18

  

Thun, 24. August 2015