Gemeinderat lehnt Quartierschulinitiative ab

Die «Thuner Quartierschulinitiative» will, dass künftig der Stadtrat über Schulhausschliessungen und -eröffnungen entscheidet. Der Gemeinderat lehnt die Initiative ab, weil die geforderte Revision des Bildungsreglements einen unnötigen Eingriff in das funktionierende Gesamtsystem Volksschule Thun darstellt. Zudem sind die Gesamtinteressen höher zu gewichten als die Partikularinteressen des Initiativkomitees.

Am 15. Mai 2019 wurde bei der Stadtkanzlei die Initiative «Thuner Quartierschulinitiative: Für eine verlässliche Schulraumplanung – Für den Erhalt der Thuner Quartierschulen» eingereicht. Sie will, dass künftig im Bildungsreglement der Stadt Thun festgelegt wird, welche Schulstufen in welchen Thuner Schulanlagen zu führen sind. Bisher ist dies in der Bildungsverordnung, ergänzend zum Bildungsreglement, geregelt. Damit könnte neu auch bei einer ungenügenden Anzahl Kinder in einem Quartier ein Schulstandort nur aufgehoben werden, wenn der Stadtrat das entsprechende Reglement ändert. Der Gemeinderat beantragt dem Stadtrat, die Initiative abzulehnen und sie den Stimmberechtigten ohne Gegenvorschlag mit der Empfehlung auf Ablehnung zu unterbreiten.

Gesamtinteressen sind höher zu gewichten als Partikularinteressen
Auslöser für die Initiative betroffener Eltern war der Entscheid der Schulkommission, die zwei Mehrjahrgangsklassen im Schoren-Schulhaus auf Ende des Schuljahres 2018/19 zu schliessen. Dieser Entscheid erfolgte basierend auf kantonalen Vorgaben und aufgrund zu kleiner Klassengrössen. Es wurde darauf geachtet, dass möglichst wenige Schülerinnen und Schüler der Schuleinheit Gotthelf/Obermatt/Schoren tangiert sind. Weil es sich im Schoren um die einzigen beiden Klassen handelte, wird das Schulhaus aktuell und temporär nicht für den Unterricht genutzt und als Schulraumreserve betrachtet. Ziel ist es, das Schulhaus zu gegebener Zeit und im Hinblick auf geplante Wohnprojekte im Quartier wieder als solches zu nutzen. Ungeachtet dessen soll gemäss Initiative im Bildungsreglement festgelegt werden, dass in sämtlichen Thuner Primarschulanlagen zukünftig eine vollständige Primarstufe (1. bis 6. Klasse) und in sämtlichen Thuner Oberstufen-Schulanlagen zukünftig eine vollständige Sekundarstufe I (7. bis 9. Klasse) geführt wird.

Der Gemeinderat lehnt die Initiative aus den folgenden Hauptgründen ab:
Initiative stellt Eigeninteressen vor Gesamtinteressen:
Mit der Initiative werden Eigeninteressen der von der Schulklassenschliessung im Schoren betroffenen Eltern verfolgt. Diese widersprechen den Interessen der gesamten Stadtbevölkerung. Denn die Initiative kann für eine Mehrheit zu Nachteilen führen. Wenn künftig zu kleine Klassen weitergeführt werden, muss dies an andern Schulstandorten mit grösseren Klassen kompensiert werden, was zu unausgeglichenen Klassengrössen führt. Die Initiative, die kürzere Schulwege im Schoren zum Ziel hat, kann längere Schulwege in anderen Quartieren zur Folge haben.

Zumutbare Lösungen auch ohne Initiative:
Thun ist kleinräumig strukturiert, mit kurzen Distanzen. Das dichte Netz an Schulstandorten
garantiert bereits heute, auch ohne die Initiative, zumutbare Lösungen bei der Umsetzung der
kantonalen Vorgaben zur Klassenorganisation.

Initiative schränkt nötige Flexibilität ein:
Die vorgeschlagene Revision des Bildungsreglements wirkt im Umfeld der dynamischen
Stadtentwicklung statisch. Sie schränkt die nötige Flexibilität in der Klassenorganisation ein und
verhindert die rechtzeitige Umsetzung angemessener Lösungen gemäss kantonalen Vorgaben
im Sinne der ganzen Thuner Volksschule und der Gesamtbevölkerung. Die Organisation des
komplexen Gesamtsystems Volksschule Thun funktioniert. Dieses soll nicht unnötig
komplizierter und schwerfälliger gemacht werden.

Initiative bedingt Umstrukturierung Hohmad
Die Primarschulanlage Hohmad (heute 1. bis 4. Klasse) müsste bei Annahme der Initiative eine
vollständige Primarstufe (1. bis 6. Klasse) führen. Dies bedingte aufgrund des dafür fehlenden
Schulraumes im Hohmadschulhaus eine Umstellung auf jahrgangsgemischte Klassen (1./2.
Klasse, 3./4. Klasse, 5./6. Klasse). Dadurch müsste rund die Hälfte der bisherigen Hohmad-
Schülerinnen und -Schüler auf umliegende Schulstandorte umverteilt werden, was längere
Schulwege zur Folge hätte. Die Initiative würde im Hohmad deshalb eine gut funktionierende
und bewährte Quartierschule grundlegend verändern.

Schoren ist ein Ausnahmefall
Der Gemeinderat will in Thun auch zukünftig ein dichtes Netz an Schulstandorten führen. Um die
kantonalen Vorgaben zur Klassenorganisation umzusetzen, muss eine Gemeinde jene Lösungen
finden, die aus Gesamtsicht am verträglichsten sind. Hierbei gilt es, wie in der Vergangenheit
praktiziert, die Auswirkungen auf den einzelnen Schulstandort, das Quartier und das Gesamtsystem
Volksschule Thun sorgfältig gegeneinander abzuwägen. Die temporäre Nicht-Nutzung des
Schulstandortes Schoren ist ein Ausnahmefall, der andernorts – wie zum Beispiel in den
Aussenquartieren Allmendingen, Lerchenfeld und Goldiwil – auch zukünftig nicht vorkommen wird.

Die nächsten Schritte
Der Stadtrat befasst sich am 24. Januar 2020 mit der «Thuner Quartierschulinitiative». Falls er dem
Gemeinderat folgt und die Initiative ablehnt, entscheiden die Thuner Stimmberechtigten am 17.
Mai 2020 an der Urne über die Vorlage.