Verein "300 Jahre Kanderdurchstich" plant Anlässe für 2014

1714 wurde die Kander in den Thunersee umgeleitet. Nun wurde der Verein "300 Jahre Kanderdurchstich" gegründet, um die Veranstaltungen im Jubiläumsjahr 2014 und die geplanten Publikationen inhaltlich und zeitlich zu koordinieren. Im neuen Verein sind die betroffenen Gemeinden offiziell vertreten - auch die Stadt Thun.

 

Kürzlich wurde in Reutigen der Verein „300 Jahre Kanderdurchstich“ gegründet. Stephan Paul Kernen, Dorfarchivar von Reutigen, hatte 2010 eine Kontaktgruppe für das Jubiläum ins Leben gerufen (vgl. auch Communiqué vom 31. März 2011). Inzwischen sind weitere Vertreter von Thun, Einigen (Spiez), Reutigen, Thierachern, Uetendorf und Wimmis dazugestossen. Zum Präsidenten des Vereins wurde der ehemalige Thuner Stadtplaner Guntram Knauer gewählt. Er ist auch offizieller Delegierter der Stadt Thun.

 

Der Verein wird im Hinblick auf das 2014 geplante 300-Jahre-Jubiläum des 1714 erfolgten Durchstichs der Kander diverse Anlässe und Publikationen vorbereiten:

·         eine Ausstellung im Rathaus Thun und in andern betroffenen Gemeinden über die Geschichte des Kanderdurchstichs,

·         die Restaurierung der Felsinschrift im Hani, Zwieselberg,

·         das Erstellen eines Erlebnispfades entlang einzelner Abschnitte des alten Kanderlaufs,

·         Faksimile-Ausgaben des Plans von Samuel Bodmer aus dem Jahre 1710 über die Ableitung der Kander in den Thunersee sowie des Kanderlaufs nach 1716 von Johann Adam Riediger (zusammen mit Carthographica Helvetica),

·         ein Konzert in der Kirche Reutigen mit Musik aus der Zeit des Kanderdurchstichs,

·         eine Theateraufführung der Oberstufe Thierachern,

·         ein Gedenkgottesdienst und

·         ein Gedenkstein an der Kander in Einigen.

Darüber hinaus wird der Verein Vorhaben anderer Organisationen begleiten. Zusätzlich zur Herausgabe des Jugendbuchs Benz durch die Gemeinde Thierachern sind die Erstellung eines hydrogeologischen Führers zum Kanderlauf zwischen Kanderdelta und der Regiebrücke in Thun durch das Geographische Institut der Universität Bern sowie eine Exkursion der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft Thun entlang des Alten Kanderlaufs geplant. Einen ersten Jubiläumsanlass, eine Begehung des Kanderdeltas, hatte der Uferschutzverband Thuner- und Brienzersee im Mai 2011 durchgeführt.

 

Auf seiner Homepage www.kanderdurchstich.ch wird der Verein künftig über seine Aktivitäten orientieren und die ihm gemeldeten Veranstaltungen zum Jubiläum aufführen. Die meisten Jubiläumsveranstaltungen werden voraussichtlich zwischen Herbst 2013 und Sommer 2014 stattfinden.

 

 

Geschichte und Bedeutung des Kanderdurchstichs

 

Auszug aus Communiqué vom 31. März 2011

 

War die Ableitung der Kander in den Thunersee eine mutige, zukunftsweisende Tat, oder war sie ein leichtsinniges Unterfangen, das mehr Probleme schuf als löste? Kaum jemand ist sich heute noch bewusst, was sich vor gut 300 Jahren im Raume Thun abspielte. Wenn Kander und Zulg viel Wasser führten, stauten sie die Aare. Dann schien diese still zu stehen und "schwebte". Der Name Schwäbis soll sich davon herleiten lassen. Immer wieder stieg damals der Wasserspiegel so stark an, dass der Rückstau die Stadt Thun überschwemmte. Aber nicht nur Thun musste immer wieder leiden. Die Kander überflutete auch weite Teile der damaligen Gemeinde Strättligen. Landwirtschaftsland versumpfte. Die Malaria wurde zu einer Plage.

 

Viele Köpfe suchten nach einer Lösung. Samuel Bodmer, gelernter Bäcker aus Amsoldingen, überzeugte mit seiner Idee, die Kander im Hani in den Thunersee abzuleiten, indem der Strättlighügel durchbohrt wurde. Am 1. April 1711 wurde mit den Arbeiten begonnen. Während des zweiten Villmergerkrieges wurden die Arbeiten eingestellt. Erst im Frühjahr 1713 wurden sie wieder aufgenommen. Diesmal nach dem Projekt von Alt-Spitalmeister Samuel Jenner, der neu einen Stollen vorsah. Am 12. Dezember 1713 wurde erstmals Kanderwasser direkt in den Thunersee eingeleitet. Im Juli 1714 stürzte der Stollen teilweise, am 18. August 1714 vollständig ein. Doch die Kander frass sich in kurzer Zeit tief in den nun angebohrten Strättlighügel ein und schüttet seither mit ihrem Geschiebe ein Delta auf.

 

Doch damit war die Hochwassergefahr für Thun nicht gebannt. Im Gegenteil. Zuerst verschlimmerte sich die Lage. Die Wassermenge im Thunersee nahm auf einen Schlag um 40 % zu. Nun mangelte es an der Abflusskapazität. Die Stadt stand mehrmals tagelang unter Wasser. Dafür fehlte an anderen Orten das kostbare Nass. Mühlen, Sägen und Schleifen fielen trocken, Trinkbrunnen versiegten. Nach und nach konnten die negativen Folgen beseitigt oder gemildert werden. Um den Abfluss zu verbessern wurde 1717 der oberhalb des heutigen Mühleplatzes gelegene Mühledamm abgebrochen, womit die Aare zu einem reissenden Strom wurde. Die Sinnebrücke wurde unterspült und musste teilweise neu gebaut werden. 1721 wurden Traversierschwellen eingebaut. Der Stadtgraben wurde geflutet. 1723 bis 1726 entstanden die beiden Schleusen zur Regulierung des Seespiegels.

 

Die Allmenden zu beiden Seiten des ehemaligen Kanderlaufs wurden unter den Pflug genommen oder dienten militärischen Manövern. 1841 verkaufte Thun die Allmend an die Eidgenossenschaft. Seither ist Thun Garnisonsstadt mit einem der grössten Waffenplätze der Schweiz.

 

Der Kanderdurchstich veränderte Land und Leben in den betroffenen Gemeinden nachhaltig. Er hat historische Bedeutung, denn er war die erste Gewässerkorrektur in einem solchen Umfang. Die Erfahrungen aus dem Kanderdurchstich dienten später den Projekten für die Korrektion der Linth und die Einleitung der Aare in den Bielersee.

 

Auskünfte an die Redaktionen

 

  • Guntram Knauer, Vereinspräsident, Tel. 079 229 70 41

 

 

Thun, 19. März 2012

Ausschnitt aus dem Plan, den Samuel Bodmer 1710 erstellte. Der Plan ist eine leicht kolorierte, feine Federzeichnung, eher künstlerisch empfunden als geometrisch vermessen, das Terrain in Kavalierperspektive, Berge und Hügel sind einzeln genau wiedergegeben. Der ganze Plan ist im Original 105 x 126 cm gross.
Ausschnitt aus dem „plan des neüen Canals von der Kander und dessen alten Laufs samt der Gegne bey Thun“, künstlerisch wertvoller, detailreicher Plan, altes Kanderbett punktiert, von Johann Adam Riediger 1716 im Masstab ca 1 : 5'000 erstellt. Der Plan misst 92 x 203 cm.