Campagne Bellerive

Bauherrschaft und spätere Besitzer

Die spätbarocke Campagne Bellerive ist ein ehemaliger Landsitz der im Alten Bern einflussreichen Patrizierfamilie von Fischer, die bis 1832 das Postmonopol in der Republik Bern besass. Der Typus eines ursprünglich nur in der warmen Jahreszeit bewohnten eleganten Herrenhauses mit zugehörigem Bauerngut und Nebengebäuden war im 17. und 18. Jahrhundert bei der Oberschicht sehr beliebt. Neben ihrem Stadthaus in Bern liessen sich ihre Vertreter in einem Umkreis von rund 30 Kilometern um die Stadt Bern gerne solche Zweitwohnsitze auf dem Lande bauen. Die Campagne Bellerive wurde 1763 als südlichster derartiger Sommersitz errichtet.

Bauherrschaft waren Emanuel Friedrich Fischer (1732–1811) und dessen Ehefrau Johanna Katharina, geborene von Wattenwyl (1742–1808). Sie begründeten hier den Familienzweig «Fischer de Bellerive», der bis heute fortlebt. Wen sie für die Planung der Gebäude und der weitläufigen Parkanlage beizogen, ist nicht bekannt. Bis 1882 war die Campagne im Besitz der Erbauerfamilie. Von 1898 bis 1921 gehörte es der Familie von Bonstetten. 1922 kaufte es Betty Lambert (1894-1969), bis 1933 die Frau von Jean-Jacques von Bonstetten. Bis 1960 gehörte ihr als letzte private Besitzerin das Ensemble, das heute auch als Bonstettengut bekannt ist. Sie war eine aus Brüssel und Paris stammende Tochter von Baron Léon und Baronin Zoé Lambert-de Rothschild. Auf ihre Initiative geht der seeseitige englische Landschaftspark zurück, der ab 1930 angelegt wurde. Überhaupt trägt das gesamte Anwesen noch heute ihre Handschrift. Seit 1960 befindet sich die Campagne je hälftig im Eigentum der Stadt Thun und des Kantons Bern. Mit der Musikschule Region Thun (MSRT) wurde 1974 eine ideale Mieterin für das Herrenhaus und die Nebengebäude gefunden.

Portrait des 26-jährigen Emanuel Friedrich Fischer. Ölgemälde von 1758 (Burgerbibliothek Bern).
Johanna Katharina Fischer geb. von Wattenwyl. Portrait von 1777 (GSK, Markus Andrea Schneider).
Betty Esther Charlotte Laure Lambert, gesch. von Bonstetten und gesch. von Goldschmidt-Rothschild. Fotografie von Horst P. Horst 1950 im Vogue-Studio in New York (Patrick Cramer).

Das Herrenhaus als Zentrum der Gesamtanlage

Das 1763 erbaute Herrenhaus ist ein zweigeschossiger Baukörper mit fünf Fensterachsen auf der Längsseite und drei Fensterachsen auf der Breitseite. Das Gebäude unter dem hohen Walmdach ist insgesamt noch in spätbarocker Architektursprache gehalten. Es weist aber mit seinen auffallend glatten Fassaden, die nur durch eine niedrige Sockelzone, gefugte Ecklisenen und ein kräftiges Traufgesims betont werden, bereits klassizistische Züge auf. Die gegen die Strasse und den See gerichtete Ostfassade mit dem Haupteingang wird von einem um 1830 angefügten Peristyl (offene Säulenhalle) mit darüber liegender geschlossener Laube beherrscht. 1922/23 wurde das Herrenhaus vom bekannten Berner Architekten Henry Berthold von Fischer (1861–1949) für die damalige Besitzerfamilie von Bonstetten umgebaut. Dabei wurde das ursprünglich über die gesamte Fassadenbreite verlaufende Peristyl an beiden Enden eingewandet; links entstand eine offene Loggia, rechts wurde die Küche erweitert.

Das Herrenhaus ist eingebettet in eine grosszügige Garten- und Parkanlage. Es liegt «entre cour et jardin» zwischen dem strassenseitig vorgelagerten Ehrenhof und dem rückseitigen Baumsaal mit Wasserbassin. Der Ehrenhof wird flankiert von zwei Nebenbauten des Herrenhauses: auf der einen Seite das ehemalige Kornhaus mit Remisen aus den 1770er Jahren (heute: Helene Fahrni-Saal), das einst zur Lagerung des geernteten Getreides und zum Abstellen von Kutschen, Wagen und Gerätschaften diente, und auf der anderen Seite die erst 1923 erbaute ehemalige Garage (heute: Betty Lambert-Saal), die stilistisch den Altbauten angeglichen wurde.

Das Rückgrat des Ensembles bildet eine 550 Meter lange Hauptachse, an der sich Alleen, das Herrenhaus mit Garten und Ehrenhof sowie ein auf das Dreigestirn von Eiger, Mönch und Jung-frau ausgerichteter Kanal aufreihen. Die hausnahen Gartenanlagen sind in barocker Manier streng geometrisch angeordnet. Die am See gelegene Parkanlage auf der anderen Seite der Strasse ist demgegenüber im naturnahen Stil des englischen Landschaftsgartens gestaltet. Dieser Park wurde um 1930 von den Zürcher Gartengestaltern Walter und Oskar Mertens realisiert.

Das Herrenhaus vom Ehrenhof aus. Foto vor 1922 (Denkmalpflege des Kantons Bern).
Das Herrenhaus nach der Umgestaltung von 1922/23 mit ausgebautem Dachgeschoss, teilweise eingewandetem Peristyl und u-förmiger Buchshecke. Foto von 2016 (Verena Gerber-Menz).
Blick über den im 19. Jahrhundert romantisierten Teich auf die Gartenseite des Herrenhauses. Foto vor 1922 (Stadtarchiv Thun).
Das 1922/23 in barocken Formen wiederhergestellte Westparkett mit dem geschwungenen Bassin. Foto von 2016 (Verena Gerber-Menz).
Auszug aus dem Plan der Campagne Bellerive von Geometer Emanuel Schmalz, 1780. Die zentrale Achse mit Alleen und Kanal legt sich quer über die bereits bestehende Landstrasse. In der rechten Planhälfte am See das heute verwachsene Lustwäldchen der ursprünglichen Parkanlage, die 1930 in einen englischen Landschaftspark umgestaltet wurde (Staatsarchiv des Kantons Bern, AA IV 1985).

Der Gutshof

Eine Campagne ist ein Landgut, das den Berner Patrizierfamilien neben der Abwechslung vom Stadtleben auch die Möglichkeit zu landwirtschaftlichen Experimenten bot. Das 18. Jahrhundert gilt als Zeitalter der Agrarmodernisierung, die von der früheren Dreifelderwirtschaft zur intensiveren Bewirtschaftung des Bodens führte. Neben der Entwicklung von neuen Gerätschaften wurden nun etwa die nährstoffreiche Luzerne (Kleegras) angebaut, um die Böden fruchtbar zu erhalten. Ebenso wurde die Sommer-Stallfütterung eingeführt, um mit den dadurch gewonnenen «Rohstoffen» (Mist und Gülle) die sogenannte Düngerlücke überbrücken zu können.

Emanuel Friedrich Fischer war ein aufgeklärter Geist, der sich als Subskribent (Förderer und Bezieher von Druckschriften) der Oekonomischen Gesellschaft eingehend mit Fragen der Landwirtschaft beschäftigte. Als Gutshof für seine Campagne erwarb er 1763 das bereits bestehende Gwattgut neben dem neu errichteten Herrenhaus. Er liess den Ökonomieteil des prächtigen Bauernhauses (erbaut um 1730) um zwei Binderachsen verlängern und rückseitig verbreitern, um mehr Raum für Ställe und das darüber liegende Tenngeschoss zu gewinnen. Zudem liess er in den 1770er Jahren auf der gegenüberliegenden Strassenseite die Seescheune errichten, einen stattlichen Ständerbau mit grossem Heuraum über einem gemauerten Stallsockel. Der ehemalige Gutshof ist bis heute ein Landwirtschaftsbetrieb geblieben.

Blick von Südosten auf den hochrepräsentativen Gutshof von 1730/31. Foto von 2016 (Verena Gerber-Menz).
Die Seescheune musste in den 1770er Jahren etwas von der Strasse zurückversetzt errichtet werden, weil auf dem Landstreifen entlang des Weges auf dem damaligen Schwellenwerk (Hochwasserschutz) ein Bauverbot bestand. Foto von 2016 (Verena Gerber-Menz).