Bonstettenpark
Dorf und Gut Gwatt
Von der zunehmenden Sicherheit vor den Unbilden des Wassers profitierte auch der uns nicht bekannte Erbauer eines um 1750 abgebrannten Bauernhauses im Bereich der heutigen Campagne. Zeitgenössische Pläne zeigen es als quer hinter dem Schwellenwerk liegendes Gebäude. Unmittelbar daneben liess der vermögende Handelsmann Steffen Brand um 1730 ein stattliches Gut errichten, das die Keimzelle des Landsitzes Bellerive bildet. Der aus Lauperswil i.E. stammende Brand handelte erfolgreich mit Wein, Käse, Holz und Fellen, was die grosszügigen Kellerräumlichkeiten und die repräsentative Erscheinung des Baus erklärt. Nach seinem Tod um 1755 wurde sein Schwiegersohn Samuel Leemann, Pulvermacher und Schaffner in Langnau, Eigentümer des «Hauß und Heimbwesens im Gwadt», zu dem gemäss Erbteilungsschrift auch das angrenzende «Ofen- oder Küherhaus» gehörte. Leemann hatte jedoch keine Verwendung für das Gut und verkaufte es 1757 an den aus Latterbach i.S. stammenden Christian Minnig, einem einst nach South Carolina ausgewanderten Offizier. Dessen Rückkehr ins Berner Oberland war allerdings nur von kurzer Dauer. Nach einer gescheiterten Ehe mit der Thunerin Maria Koch und dem vergeblichen Versuch, sich der Bernischen Pferdezuchtkommission als Importeur von Rassepferden aus England anzubieten, veräusserte er das Gut bereits 1763 wieder und liess sich erneut in Amerika nieder. Käufer war der 31-jährige Bernburger Emanuel Friedrich Fischer, mit dem die Geschichte des Landsitzes Bellerive seinen Anfang nahm.
Ölgemälde von Jakob Emanuel Handmann (1718-1781), 1758
Bau- und Besitzgeschichte
Emanuel Friedrich Fischer (1732–1811) entstammte als Urenkel des Postgründers Beat (I.) Fischer (1641–1698) einer angesehenen Bernburgerfamilie, die seit dem 17. Jahrhundert stetig an Einfluss gewann. Am politischen und gesellschaftlichen Aufstieg der Familie war auch er selber beteiligt. Er gelangte 1764 in den Grossen Rat, war von 1770–1776 Landvogt in Erlach, folgte 1781 seinem Vater in den Kleinen Rat nach und krönte seine Ämterlaufbahn als Venner (Bannerherr) zu Gerbern (1792–1796). Sein feines politisches Gespür prädestinierte ihn auch für heikle Sonderaufgaben, namentlich in der unruhigen Waadt. Dessen ungeachtet verzichtete er auf das der Familie seit 1783 zustehende Recht zur Führung des Adelsprädikates «von».
Zu sehen: Gwattgut [Bauernhaus], Herrenhaus von 1763, Karrenweg auf Schwellenwerk [heutige Gwattstrasse], Kanal, Lustwäldchen
Der aufgeklärte Geist war stets offen für neue Strömungen. Als Subskribent (Förderer und Bezieher von Druckschriften) der Ökonomischen Gesellschaft leistete er jährliche finanzielle Beiträge an die Preisausschreiben dieser Reformsozietät und beschäftigte sich eingehend mit Fragen der Landwirtschaft. 1758 gehörte Fischer ferner zum Kreis der Gründer der Typographischen Gesellschaft Bern, die Werke zeitgenössischer Autoren verlegte. Später wurde er gar Hauptaktionär dieser kommerziell wenig erfolgreichen Unternehmung. Durch die eingegangenen Verbindlichkeiten geriet er gegen Ende des Jahrhunderts allerdings derart in finanzielle Bedrängnis, dass er 1799 sein Stadthaus in Bern – das heutige Zunfthaus zu Affen (Kramgasse 5) – verkaufen musste. Kurz zuvor hatte ihm das Schicksal bereits beim Umsturz von 1798 übel mitgespielt, als er mehrere Monate in französischer Geiselhaft in Strassburg festgehalten worden war. Getreu seinem Lebensmotto nil desperandum (nie verzweifeln) blieb er ungebrochen, zog sich aber zu Beginn des 19. Jahrhunderts aus dem öffentlichen Leben zurück und verbrachte seinen Lebensabend meist auf seinem Landgut Bellerive am Thunersee. Emanuel Friedrich Fischer ist der Begründer des Familienzweiges der Fischer von Bellerive, der bis heute fortlebt. Mit Johanna Katharina geb. von Wattenwyl (1742–1808) hatte er neun Kinder, von denen Friedrich Ludwig (1777–1824) die Campagne in den 1810er Jahren als Erbteil übernahm. Bereits 1819 überschrieb dieser sie an seine beiden Töchter. Zusammen mit ihrem Ehemann, dem für seine einzigartige Vogelsammlung in ganz Europa bekannten Carl Ludwig Emanuel von Tscharner (1798–1854), kaufte Emma Katharina von Tscharner, geborene Fischer (1810–1881) den Erbteil ihrer Schwester Georgine Friederike 1830 aus. Letzte Besitzerin aus der Familie Fischer war ihre Tochter Emma Emilie Sophia (1832–1885), die den Landsitz 1882 an den Rentier Paul Sury aus Zofingen verkaufte.
Tuschzeichnung von Sigmund Wagner, um 1808 (Quelle: StAB N Wagner 79)
Emanuel Friedrich Fischer erwarb mit dem Gwattgut 153 Jucharten (rund 550’000 m2) Land. Es lag vorwiegend westlich der heutigen Gwattstrasse, die damals ein Karrenweg auf dem Schwellenwerk von 1672 war. Nahe am Weg liess er 1763 das Herrenhaus errichten. In den folgenden Jahren kaufte er weitere Ländereien gegen den See hinzu, um eine ambitiöse Anlage spätbarocken Zuschnitts realisieren zu können. Damit trat er in die Fussstapfen seiner ebenfalls baufreudigen Onkel Beat (II.) und Victor Fischer, die zwischen 1735 und 1745 das Schloss und auch den Landsitz Hofgut in Gümligen sowie die Campagne Oberried in Belp hatten bauen lassen. In der Gesamtkomposition übertrumpfte Emanuel Friedrich Fischer seine Verwandten aber gar noch. Während er sich bei der Gestaltung des Herrenstocks in zeitgenössisch-bernischer Zurückhaltung übte, orientierte er sich bei der in die Ebene platzierten Anlage mit der 550 Meter langen Monumentalachse an grossen ausländischen Vorbildern. Sie sind in den barocken Schlossanlagen europäischer Fürstenhöfe zu finden, beim alles überstrahlenden Versailles mit dem Grand Canal, der Münchner Nymphenburg mit zentraler Kanalachse, und dem Peterhof in St. Petersburg, wo ein langer schmaler Kanal das Schloss mit der Ostsee verbindet. Mangels Bauakten kennen wir weder den Architekten des Herrenhauses noch den Gestalter der Gartenanlage. Aus anderweitigen Quellen können aber die Etappen der Errichtung gut rekonstruiert werden. So zeigt eine vor 1765 entstandene aquarellierte Bleistiftzeichnung des Berner Kleinmeisters Johann Ludwig Aberli (1723– 1786) bereits den Herrenstock, noch nicht aber die seeseitige Parkanlage. Auf dem Plan des Geometers Johann Jacob Brenner von 1771 sind dann auch der Kanal mit flankierenden Baumreihen und die Seeaufschüttung mit einem ersten, längsrechteckigen Lust Lustwäldchen erkennbar. Den weiteren Ausbau verdeutlicht der kunstvolle, kolorierte Plan von Emanuel Schmalz aus dem Jahr 1780 (s. Umschlagseite vorne). Nun sind auch die Westallee angelegt sowie die hausnahen Gärten vollendet, ebenso die Seematte mit in linearer Anordnung dicht gesetzten Bäumchen und das um einen quadratischen Teil erweiterte Lustwäldchen. Es fehlt nur noch das der Kanalmündung vorgelagerte Inselchen, das in den 1790er Jahren hinzukommen wird. Auffällig ist die fehlende Symmetrie der Komposition. Die Anlage entwickelt sich ausschliesslich südlich der Hauptachse, wo sämtliche Gartenelemente und auch das quer zum Herrenhaus stehende, mit diesem einen Ehrenhof bildende Nebengebäude liegen. Gegen Norden, zur Stadt Thun hin, finden sich weder Bauten noch Gartenteile. Dieser Umstand dürfte darauf zurückzuführen sein, dass es Emanuel Friedrich Fischer nicht gelang, Land nördlich des Kanals zu erwerben.
Die Eigentümer des Bellerive, die Emanuel Friedrich Fischer im 19. Jahrhundert nachfolgten, veränderten an der Gesamtkomposition des Landsitzes nichts. Einzige wesentliche Zutat ist das dem Herrenhaus strassenseitig vorgesetzte Peristyl (offene Säulenhalle) mit geschlossener Laube im Obergeschoss. Es stammt aus der Zeit um 1830, als solche Säulenhallen sehr in Mode waren. Die damaligen Besitzer des Bellerive hatten guten Grund, die strassenseitige Fassade aufzuwerten: um 1820 war nämlich der ehemalige Karrenweg, der die Campagne als Querachse durchschneidet, zur neuen Landstrasse Richtung Simmental ausgebaut worden, was ein entsprechend höheres Verkehrsaufkommen nach sich zog. Einen erheblichen Einschnitt bedeutete die Thunerseebahn, die 1893 den Betrieb zwischen Thun und Interlaken aufnahm. Der Schienenstrang trennte die Campagne vom zugehörigen Ackerland auf der Gwattzelg, was die Bewirtschaftung erschwerte. Immerhin erhielt das Bellerive im Gegenzug durch eine neu angelegte Nussbaumallee direkten Zugang zur Bahnstation Gwatt (2001 aufgehoben). Nach dem Tod des Aargauers Paul Sury erwarben 1898 mit [Ulrich] Walther [Maximilian] von Bonstetten (1867–1949) und dessen Ehefrau Caroline Madeleine geb. Boissier wieder Bernburger den Landsitz. Der studierte Jurist war in diplomatischen Diensten der Eidgenossenschaft tätig gewesen, zog sich dann aber aus dem Berufsleben zurück und wurde ehrenamtlich aktiv, etwa beim Aufbau der schweizerischen Pfadfinderbewegung. In der Absicht, Haus und Gartenanlagen umzugestalten, mehrten er und seine Frau den seeseitigen Grundbesitz durch Zukäufe von Parzellen nördlich des Kanals. Nach der 1915 erfolgten Scheidung entschloss sich Walter von Bonstetten letztlich aber für den Kauf von Schloss Sinneringen (Boll BE) und verkaufte 1922 die Campagne seiner Schwiegertochter Betty Esther Charlotte Laure Baronin Lambert (1894–1969). Sie hatte im Jahr davor seinen Sohn Jean-Jacques [Johann Jakob Arthur von Bonstetten] (1897–1975) geheiratet. Da Frauen damals keinen Besitz haben durften, wurde im Grundbuchamt jedoch sein Name eingetragen. Die aus Brüssel und Paris stammende Tochter von Léon Baron Lambert und der Baronin Zoé Lucie Betty de Rothschild finanzierte zudem alle bevorstehenden Zukäufe, Sanierungen und Neubauten.
Das junge Paar hegte grosse Ausbaupläne. Zunächst liess es 1922/23 durch Henry Berthold von Fischer das Herrenhaus umbauen und die Campagne durch ein Garagengebäude zur vollkommenen Dreiflügelanlage gestalten. Danach kaufte es weiteres Land am See, darunter die Schorenkopf genannte Halbinsel, und liess um 1930 den heute noch bestehenden englischen Landschaftspark anlegen. Mit der Scheidung 1933 wurde der Landsitz wie vertraglich vereinbart Betty Lambert überschrieben. Sie hatte seinerzeit den Kauf finanziert. Er selber heiratete bald ein zweites, später ein drittes und viertes Mal und lebte zeitweise als Grossgrundbesitzer in Südamerika. Betty Lambert, wie sie nun offiziell wieder hiess, machte ihren Wohnsitz zum beliebten Treffpunkt der europäischen Gesellschaft. Mit dem altershalber erfolgten Verkauf des Anwesens beendete sie per Ende 1960 dessen 200-jährige private Besitzerschaft.
Seit 1961 – seit über einem halben Jahrhundert – befindet sich die Campagne Bellerive nunmehr je hälftig im Eigentum der Stadt Thun und des Kantons Bern, welche die Geschäftsführung einem gemeinsamen Verwaltungsausschuss übertragen haben. Mit der Musikschule Region Thun (MSRT, gegründet 1974) wurde 1976 eine ideale Mieterin für das Herrenhaus und in den 1980er-Jahren für die beiden Dependenzbauten gefunden. Die MSRT belebt die unter Denkmalschutz stehenden Gebäude und trägt zu deren ungeschmälerten Erhaltung bei. Der seit 1962 öffentlich zugängliche Park am See hat sich demgegenüber zu einem beliebten Naherholungsgebiet entwickelt.
Als Walter von Bonstetten und seine Frau Caroline Madeleine Boissier 1898 den Landsitz Bellerive mitsamt der Parkanlage an den Ufern des Thunersees im Gwatt erwerben, kostet der Tourismus im Berner Oberland seine höchste Blüte aus. Seit dem frühen 19. Jahrhundert ziehen Berge, Schlösser und die prächtige Umgebung reisefreudige Adlige, ranghohe Politiker und abenteuerhungrige Alpenpioniere aus dem In- und Ausland an die Riviera am Thunersee und ins Oberland. Der Fremdenverkehr boomt, Investoren und Künstler nutzen die Schönheit der Gegend, auch ist die Region immer mehr an das Eisenbahnnetz angebunden. Zahlreiche Berühmtheiten erfreuen sich am Liebreiz der Landschaft: Heinrich von Kleist, der im Gwatt gerne ein Haus gekauft hätte, Ferdinand Hodler, der in Thun eine Lehre als Ansichtskartenmaler absolviert, der Schriftsteller Johann Wolfgang Goethe, die Komponisten Felix Mendelsohn, Ralph Benatzky, Johannes Brahms und viele mehr. Auch gekrönte Häupter wie Queen Victoria von England, König Wilhelm III. von Holland und Königin Isabella II. von Spanien sowie unzählige weitere Persönlichkeiten lassen sich von der imposanten Kulisse inspirieren. Sie schreiben Gedichte, komponieren Opern, geniessen eine Fahrt auf dem See oder in der Kutsche, frönen dem internationalen Stelldichein, aquarellieren und malen die Bergwelt und erholen sich im Antlitz des idyllischen Panoramas in noblen Unterkünften – so etwa im Grand Hotel Thunerhof – oder in eigenen Residenzen. Der Erste Weltkrieg setzt jedoch dem bunten Treiben in der Belle Epoque ein Ende und zerstört manche Pläne. Noch heute erinnern Zeitzeugen an jene glamouröse Zeit. Zu ihnen gehören das Schloss Schadau und das Thun-Panorama im umliegenden Park ebenso wie die Schlösser Oberhofen und Hünegg und weitere Kleinode. Errungenschaften dieser touristischen Blütezeit sind auch Seilbahnen wie diejenige zum Hotel Giessbach und etliche Bergbahnen, der Schiffsbetrieb auf dem Thuner- und dem Brienzersee sowie die gut ausgebauten Verbindungsstrassen im Oberland.
Bei Walter von Bonstetten und Caroline Madeleine Boissier, die sich 1915 scheiden lassen, gehen in der Campagne Bellerive vor allem Schweizer Patrizier ein und aus. Nach der Heirat ihres Sohnes Jean-Jacques von Bonstetten und der Baronin Betty Lambert Ende 1921 beziehungsweise vor allem nach ihrer Scheidung 1933 reisen der Hochadel, bekannte Künstler, Diplomaten, Botschafter und ranghohe Beamte aus aller Welt bis Ende 1960 zu ihr ins Gwatt.
Die historische Bedeutung des Bonstettenguts beschreiben Jürg Hünerwadel und Franziska Streun im Kunstführer «Die Campagne Bellerive – das Bonstettengut im Thun-Gwatt» (Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, 2016). Bestückt mit Bildaufnahmen und Zeitdokumenten vermittelt dieser Spannendes zur Garten- und Parkanlage sowie zur Bau- und Besitzergeschichte, führt die Lesenden auf einem Rundgang durch das Gut und nimmt sie mit in die Zeit der Baronin Betty Lambert.